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(veröffentlicht im Palma Kurier, 02.02.2001)
Eine gute Geschäftsidee garantiert keinen Erfolg / Was
Jungunternehmer auf Mallorca beachten müssen
Die Zahl der deutschen Unternehmensgründungen auf Mallorca
steigt von Jahr zu Jahr. Billige Arbeitskräfte und der
Tourismusmarkt bieten ein scheinbar ideales Umfeld. Doch für
einen erfolgreichen Start in die Selbständigkeit ist
auch hier ein gut durchdachtes Marketing unerläßlich.
Für immer mehr Zuwanderer auf Mallorca ist die berufliche
Selbständigkeit eine ernstzunehmende Alternative zum
Angestelltendasein. Dies liegt zum einen am niedrigeren Gehaltsniveau
in Spanien. Zum anderen nützen auch viele Neuankömmlinge
den Schritt ins Ausland, um berufliche und private Träume
zu verwirklichen. Typische Betätigungsfelder liegen im
Immobilien- und Bausektor sowie im Gastronomiebereich. Neben
diesen klassischen Investitionsfeldern steigt auch die Bedeutung
der neuen Medien konstant an.
Erfahrungen zeigen jedoch, daß ein Großteil der
neugegründeten Unternehmen schon mittelfristig nicht
lebensfähig ist. Anschein und Wirklichkeit klaffen oft
auseinander. Das strahlende Image des Unternehmers auf Mallorca
muß bald der harten Realität weichen. Auf den Einstieg
in eine verheißungsvolle Zukunft folgt häufig der
Abstieg. Manchmal sogar bis in die Sozialhilfe.
Wie kann es immer wieder so weit kommen? Jedes Projekt hat
seine eigene Geschichte des Scheiterns. Bei genauerem Hinsehen
zeigt sich jedoch, daß immer wieder die gleichen Kardinalfehler
begangen werden, wenn auch in unterschiedlichen Konstellationen.
Mangelnde Ausrichtung des Unternehmens auf den Markt und nicht
gemachte Analysen sind hierbei an erster Stelle zu nennen.
Es ist gar nicht klar, ob überhaupt ein Markt für
das Produkt vorhanden ist, und wer die potentiellen Kunden
sein sollen. Hieraus resultierend gehen die Gründer von
völlig unrealistischen Umsatz- und Ertragsprognosen aus.
Genannt sei etwa das Beispiel des Unternehmers, der mit einem
deutschen Café in einer rein spanischen
Nachbarschaft auf eine Marktlücke gestoßen zu sein
glaubte. Daß Spanier einen anderen Tagesrhythmus leben
als die Deutschen und um 15.30 Uhr normalerweise kein Kaffeekränzchen
veranstalten, wurde nicht bedacht. Angebot und Nachfrage werden
so nicht zueinander finden.
Die fehlende Kundenorientierung neuer Firmen steht hiermit
in unmittelbarem Zusammenhang. Die Gründer sind zu stark
auf ihr eigenes Produkt fixiert, und haben den konkreten Kundennutzen
nicht ausreichend analysiert. Die Kernfrage des Unternehmers
an sich selbst müßte hier lauten: Welches Kundenproblem
wird durch das Produkt gelöst, denn Kundenorientierung
bedeutet viel mehr als ein freundliches Lächeln beim
Bezahlen.
Speziell auf Mallorca fällt auf, daß viele Gründer
sich selber maßlos überschätzen. Sie übersehen,
daß der Aufbau eines eigenen Unternehmens ein Höchstmaß
an persönlichen und fachlichen Qualifikationen sowie
jahrelangen nachhaltigen Einsatz erfordert. Tatsächlich
sind aber häufig nicht einmal Sprachkenntnisse vorhanden,
ganz zu schweigen von spezifischen Branchen- und Marktkenntnissen.
Die Bedeutung kultureller Unterschiede wird unterschätzt.
Statt konkretem Wissen und Können bieten viele Unternehmer
vor allem eines: eine nicht vernetzte Ansammlung von unbestätigten
Annahmen inVerbindung mit der Hoffnung auf eine goldene Zukunft
unter Palmen. Eine weitere typische Problematik liegt darin,
daß junge Unternehmen häufig unterfinanziert sind.
Dieses führt regelmäßig zu kurzfristigen Liquiditätskrisen,
die grundsätzlich nichts mit der Qualität des Produktes
zu tun haben.
Es gibt Mittel und Wege, eine Geschäftsinvestition in
einer Weise vorzustrukturieren, die die Erfolgswahrscheinlichkeit
wesentlich erhöht. Kernpunkt der Vorbereitung sollte
in jedem Fall die Erarbeitung eines Business-Planes sein.
In einem derartigen Geschäftsplan, der schriftlich ausgearbeitet
werden muß, beantwortet der Unternehmer sich selbst
und eventuellen Investoren die Kernfragen seiner geplanten
Tätigkeit: Was genau ist das Produkt, welche finanziellen
und sonstigen materiellen Ressourcen sollen und können
eingesetzt werden, welche personelle Struktur ist vorgesehen,
worin soll der Kundennutzen liegen. Im Vordergrund stehen
also die typischen "W-Fragen": die Fragen nach dem
Was, Wie, Wer und dem Wann. Darüber hinaus werden Aussagen
zur eigenen Bewertung der Marktsituation getroffen und alternative
Entwicklungspfade gegeneinander abgewogen.
Die zentrale Rolle spielt innerhalb eines gut ausgearbeiteten
Geschäftsplanes der Bereich des Marketings. Leider wird
Marketing häufig als Synonym für Werbung betrachtet.
Hierbei handelt es sich um eine Fehleinschätzung, die
fatale Folgen haben kann, denn Marketing ist tatsächlich
weit mehr. Aufgabe des Marketings ist es, ein auf konkrete
Zielgruppen zugeschnittenes Leistungsprogramm zu entwickeln
und dieses zu vermarkten. Anders ausgedrückt: Angebot
und Nachfrage müssen zueinander geführt werden.
Nach der klassischen Definition des Marketings ist Werbung
dabei nur ein Teilbereich. Produkt- und Preispolitik sind
dabei ebenso wichtig wie Fragen des Vertriebs. Hinzu kommt
oft die Notwendigkeit des Beziehungsmarketings innerhalb von
Kontakt- und Kooperationsnetzen.
Ein guter Business-Plan definiert für jedes Produkt
einen sogenannten Marketing-Mix, innerhalb dessen die verschiedenen
Parameter in ein optimales Verhältnis zueinander gebracht
werden. Der Plan gibt Antworten auf die Schlüsselfaktoren
des Erfolges der jeweiligen Branche. Hat man diese Faktoren
klar im Blick, ist eine Analyse der Chancen und Risiken im
externen Bereich sowie Stärken und Schwächen im
internen Bereich vorzunehmen. Hierauf aufbauend muß
eine Marktsegmentierung erfolgen, aus der sich schlüssig
die Differenzierungs- und Positionierungsstrategie des Unternehmens
ergibt. Der Prozeß der Erstellung des
Business-Planes sollte strukturiert durchgeführt werden.
Erforderlich ist neben dem Blick von oben immer
wieder der Blick aus der Sicht des Kunden. Die Zusammenarbeit
mit erfahrenen Partnern kann von Vorteil sein. In diesem Zusammenhang
ist auf zwei weitverbreitete Irrtümer hinzuweisen, die
in Gesprächen mit potentiellen Unternehmern immer wieder
auftauchen.
Irrtum Nummer eins: Man muß eine geniale Unternehmensidee
haben, die noch keiner verwirklicht hat. Leider ist es nicht
unbedingt die geniale Geschäftsidee, die ein Unternehmen
erfolgreich werden läßt. Die Idee muß weder
neu noch genial sein. Eine Idee, die noch nicht verwirklicht
wurde kann nämlich schlichtweg bedeuten, daß kein
Markt vorhanden ist. Ausnahmen bestätigen natürlich
die Regel: Produkte wie der Tetra-Pack waren neu, genial und
zudem außerordentlich erfolgreich. Im Regelfall ist
es aber so, daß das Orientieren an Vorbildern den größeren
Erfolg verspricht. Funktionierende Vorbilder beweisen, daß
offensichtlich ein Markt für ein Produkt vorhanden ist.
Irrtum Nummer zwei: Man darf mit niemandem über die
Geschäftsidee sprechen, da die Idee sonst sofort geklaut
wird. Grundsätzlich kann ein Gespräch über
die Idee den Unternehmer nur weiterbringen. Er wird durch
Fragen und kritische Anmerkungen immer wieder gezwungen, die
Idee auf ihre Lebensfähigkeit zu überprüfen.
Schließlich muß sich die Idee noch zu einem markttauglichen
Projekt entwickeln. Fundamentale Fehler können durch
Gespräche frühzeitig erkannt werden. Warum sonst
stellen Softwarefirmen Beta-Versionen kostenlos in das Web?
Solange man seine Gesprächspartner sorgfältig auswählt,
ist die Gefahr einer geklauten Idee kontrollierbar. Die Vorteile
einer offenen Kommunikation überwiegen die Nachteile
bei weitem.
Warum also haben nicht alle Firmen einen derartigen Geschäftsplan?
In der Praxis wird man immer wieder mit Gegenargumenten gegen
ein derartig strukturiertes Vorgehen konfrontiert. Der Ansatz
sei zu theoretisch. Es solle gehandelt und nicht soviel nachgedacht
werden. Luftschlösser und Theoriegebäude würden
gebaut, die in der Praxis keinen Bestand haben können.
Pläne seien viel zu statisch und das in einer Zeit, in
der sich immer alles ändert. Man müsse schließlich
flexibel bleiben. Außerdem lasse das Tagesgeschäft
keinen Raum für strategische Überlegungen.
Diese Argumente treffen jedoch nicht den Kern der Sache und
sind letztendlich Ausdruck der Selbstüberschätzung
vieler Unternehmer. Es ist erwiesen, daß Unternehmen,
die sich konsequent mit strategischen Fragen beschäftigen,
erfolgreicher sind als andere. Nur wer bei Projekten stets
den Kundennutzen in den Mittelpunkt stellt, wird von diesem
belohnt werden. Natürlich verlangt das Schreiben eines
Business-Plans großen Zeiteinsatz. Dieser Zeiteinsatz
ist aber als Investition in das Geschäft zu sehen, da
vielerlei Probleme von vorneherein entschärft werden
können. Ohne Planung ist effizientes Arbeiten nicht möglich.
Denn klar ist: Wer kein Ziel vor Augen hat, kann auch keines
erreichen. Letztendlich stellt der Business-Plan die Software
des Unternehmens dar. Und insofern gilt: Ohne Software ist
die beste Hardware unbrauchbar.
Frank Schöne-de la Nuez, Rechtsanwalt,
Sandra Hundshammer (Praktikantin)
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